Statement der Regisseurin Lucía Puenzo
"Gibt es Schlimmeres als die Angst vor dem eigenen Körper?" fragte mich einmal ein Kind, das eine "Normalisierung" durchgemacht hatte. Es wuchs mit Operationswunden auf. In dieser Kastration manifestiert sich die Angst vor dem Doppelgeschlecht als Metapher für alle Amputationen aus Angst vor dem Anderssein.

Statements der Schauspieler
XXY ist die Geschichte des sexuellen Erwachens eines jungen Intersexuellen. Ich habe meine Arbeit mit diesem Bild in meinem Kopf begonnen: der Körper eines jungen Menschen, in dem beide Geschlechter koexistieren.
Alex ist relativ isoliert aufgewachsen. Und plötzlich bringt ihre Mutter einen Schönheitschirurgen ins Haus. Und mit ihm kommt sein heranwachsender Sohn, ein schüchterner linkischer Junge in Alex' Revier. Kein Alter ist unheimlicher als die Pubertät. Der Augenblick, wenn wir Sex entdecken. Wenn wir Männer und Frauen werden. Oder beides - das Unheimlichste.
INÉS EFRÓN

Der Vater von Alex ist ein Biologe, der seine Tochter von keinem Arzt antasten lassen will. Er verlässt Buenos Aires, um sie zu beschützen, weil er sicher ist, dass Operationen keinen normal erscheinenden Körper herstellen können - was ist mit den Narben, der Verstümmelung? Bis vor wenigen Jahren wurden diese Kinder kurz nach der Geburt operiert. Man unterwarf sie dem, was als "Normalisierung" bezeichnet wird. In Wirklichkeit ist es eine Kastration.
XXY spricht von etwas, das mir viel bedeutet: die Freiheit zu wählen.
RICARDO DARÍN

Alvaro ist ein Jugendlicher, der im Verlauf der Geschichte auf seine Identität gestoßen wird. Er hat einen Vater, den er bewundert und vor dem er Angst hat, ein Schönheitschirurg, zu dem die Distanz so groß ist, dass sie nicht mehr miteinander reden. Und eine überbeschützende Mutter, retouchiert vom OP-Besteck ihres Mannes. Zu ihr ist die Nähe so groß, dass sie fast eine Person sind, so sehr, dass es ihm manchmal schwer fällt, der Welt allein gegenüberzutreten.
Die Herausforderung durch Alex, ihre Anmachen, bringen ihn auf Trab. In diesen Ostertagen, die er bei ihr verbringt, entdeckt Alvaro die Welt der Sexualität. Für ihn ist es nicht wichtig, ob es ein Mädchen oder ein Junge ist, er will mit Alex sein. Er weiß zum ersten Mal in seinem Leben, was er will.
MARTIN PIROYANSKY

Der Film macht sehr wenig Worte, also haben wir uns umso mehr um die Details bemüht, die Gesten, die Blicke. Wir wussten, das Wichtigste würde es sein, den Ausdruck und den Ton zu treffen, der Lucia vorschwebte.
Inmitten der animalischen Liebe, die Alex und Alvaro erleben, erzählt der Film auch vom Verhältnis zwischen Eltern und Kindern, diesen ersten Bindungen, die uns das ganze Leben lang begleiten.
CAROLINA PELERITTI



Gespräch mit der Regisseurin

Was war der Ausgangspunkt des Drehbuchs?

Eine Erzählung mit dem Titel CINISMO von dem argentinischen Schriftsteller Sergio Bizzio. Seit ich diese Geschichte gelesen hatte, die vom sexuellen Erwachen eines jungen Mädchens von, so die ärztliche Diagnose, "mehrdeutigem Geschlecht" handelt, habe ich davon geträumt. Und ich habe das Schreiben mit einem Bild im Kopf begonnen: vom Körper eines jungen Menschen mit zweierlei Geschlecht. Aber was mich an dieser Geschichte am meisten interessierte war das Dilemma der unvermeidlichen Wahl. Nicht nur wählen zu müssen zwischen Mannsein oder Frausein, sondern auch der Möglichkeit einer nachdrücklich intersexuellen Identität.

Haben Sie recherchiert, um dieses Drehbuch zu schreiben?

Haben Sie mit Ärzten und Patienten gesprochen?
Ich habe monatelang recherchiert. Ich habe mit Medizinern zusammengearbeitet, mit Genetikern, Professoren, aber auch mit den Eltern von Kindern, die mit unterschiedlichen Intersex-Diagnosen zur Welt kamen. Ich habe auch junge Erwachsene getroffen, die nach der Geburt entweder operiert oder nicht operiert wurden.

Wie sind Sie als Künstlerin, Cineastin und Frau an diese Geschichte herangegangen?

All die verschiedenen Fallgeschichten, von denen ich erfahren habe, hatten eines gemeinsam, das weh tut: die - oft beabsichtigte! - Brutalität, mit der die Medizin und das Recht Kinder behandeln, die mit dieser Diagnose geboren werden, und die nicht wieder gutzumachenden Folgen, die so genannte "wiederherstellende" chirurgische Eingriffe in ihrem Körper und Leben anrichten. Als ich mit dem Schreiben anfing, hat mich überrascht, dass es noch keine Geschichten darüber gibt. Es gibt bei diesem Thema ein merkwürdiges Gebot des Schweigens. Und wenn das Thema doch aufgegriffen wird, dann ausschließlich aus dem Blickwinkel des persönlichen Zeugnisses oder der medizinischen Diagnose, nie aber der Fiktion. Als sei es noch heute tabu, davon zu sprechen.

Was war das größte Wagnis?

Alles war gewagt. Vom Schreiben zum Regiedebüt zu wechseln, bekannte Schauspieler mit unbekannten zu mischen, das Sujet an sich… Ich wollte das Thema von einem allgemeinen Gesichtspunkt angehen und nicht auf einen pathologischen Fall reduzieren. Darum habe ich es in eine unterm Strich gewöhnliche Liebesgeschichte zwischen zwei Heranwachsenden geschmuggelt: Sie verlieben sich ineinander und entdecken dabei ihre sexuelle Identität.

Der Film zeigt auch, wie die Betroffenen verfolgt werden ...

Das Fachwort der Chirurgen für die Behebung dieser Pathologie ist "Normalisierung". Ich denke, das sagt alles. Mauro Cabral, einer meiner intersexuellen Freunde, ein Aktivist, sagt sogar: "Die Vorsilbe inter- suggeriert, wir seien etwas zwischen Mann und Frau. Als gebe es verschiedene Worte und Arten, mit jemandem Liebe zu machen ..."

Welches Ziel haben Sie sich beim Schreiben gesetzt?

Ich finde es immer besser, wenn Bücher und Filme auf Charakteren und den Verhältnissen zwischen Menschen gründen als nur auf einer einfachen Intrige. Also wie im Kino von Haneke, Cassavetes oder Bruno Dumont. Oder den Büchern von Cheever, Nabakov und in Argentinien Aira und Pig. Darum habe ich mich auf das Verhältnis von Alex und Alvaro konzentriert. Ich wollte vor allem nicht, dass mein Film eine schlichte Dokumentation wird oder klinische Befunde populärwissenschaftlich aufbereitet. Auch wenn das Drehbuch von Medizinern und Genetikern supervisiert und regelmäßig gegengelesen wurde, war es doch das Wichtigste, diesen Wissenschaftlern klar zu machen, dass ich gerade nicht auf medizinischen Realismus aus war.

Der Film berührt das Thema der Pathologie, aber man spürt bald, dass dies nicht der Hauptgegenstand der Geschichte ist ...

Ich mag es, wenn das Kino oder die Literatur mehr Fragen aufwerfen als sie am Ende Antworten geben. Wenn ich das Kino voller Fragen verlasse. Wenn ich jetzt trotzdem eine Antwort geben muss, würde ich sagen: XXY spricht von der Freiheit, seine Identität zu wählen und sein Begehren zu leben. Aber eigentlich ziehe ich es vor, wenn jeder das in meinem Film sieht, was er will.

XXY erzählt vor allem vom sexuellen Erwachen zweier Heranwachsender und davon, was es heißt, den Körper zu begreifen, den eigenen und den des anderen. Und vom Platz in der Gesellschaft, den man als Heranwachsender durch seine Sexualität erringt ...

In Argentinien und überall, wo der Film ins Kino kam, hat er eine Debatte über das angestoßen, was unmöglich scheint: Wie kann ein intersexueller Körper nicht nach der Geburt verstümmelt worden sein? Und wie kann ein unverstümmelter Körper nicht nur in diesem Zustand überleben, sondern wie jeder andere sein Recht darauf fordern, begehrt zu werden? Wer hat denn entschieden, dass es nur zwei Arten gibt, ein Mensch zu sein? Viele meiner betroffenen Freunde haben mir gesagt, ihnen hätte an meinem Film dieser Gedanke der Selbstbestimmung gefallen - und dass das Begehren im Mittelpunkt der Geschichte steht. Ich teile ihre Ansicht: Es reicht nicht, dafür einzutreten, dass jeder in seiner physischen Ganzheit und sexuellen Orientierung zu achten ist. Es muss jedem Menschen das Recht eingeräumt werden, über seinen Körper und seine Identität selbst zu entscheiden. Der Film unterstreicht, dass gleich wer von einem Körper angezogen werden kann wie ihn Alex hat. Einer meiner Lieblingsdichter hat einmal geschrieben: "Wir wollen nicht respektiert werden, wir wollen begehrt werden." Die Suche nach der sexuellen wie jeder anderen Identität ist von größter Bedeutung im Leben jedes einzelnen.

Es ist auch ein Film über die Eltern von Alex,
ihr Schuldgefühl und ihre Verantwortung ...

Um Alex und Alvaro zu verstehen, muss man auch ihre Herkunft kennen, von wo sie kommen. Ich habe mich vorm Schreiben über die Kinder informiert, die mit diesem mehrdeutigen Geschlecht geboren wurden, über die Operationen, die sie erdulden mussten und die Folgen davon. Und nie konnte ich begreifen, wie und warum Eltern dem zustimmen konnten… Dann traf ich eine Familie, die diesem Dilemma gegenübergestanden hatte. Als ich mit ihnen sprach, habe ich allmählich ihre Ängste und Gründe verstanden, die sie dazu bewegten, den medizinischen Rat nicht in Frage zu stellen. Aber ich konnte auch beobachten, was daraus folgte und welche Schwierigkeiten die Operation ihrerseits nach sich zog ...

Dennoch verurteilen Sie nie die Eltern von Alex ...

Mit welchem Recht könnte ich das? Es ist leicht, als Außenstehender eine Meinung zu haben. Aber für einen Vater und eine Mutter in dieser Situation ist jede Entscheidung in einer derartigen Situation schwer, schmerzhaft und riskant ...

In Ihrem Film diskutieren die Erwachsenen viel,
während Alex und Alvaro beobachten und handeln ...

Die Erwachsenen versuchen eine Lösung für ihre Probleme zu finden, aber das wahre Drama spielt sich währenddessen zwischen den beiden Kindern ab. Denn sie sind es, die Schritt für Schritt durch ihre Handlungen und Erfahrungen das entdecken, was ihre Eltern mit Worten und Argumenten zu lösen versuchen.

Noch ein anderes Thema in Ihrem Film: das Duell zwischen Biologie und Medizin, sprich dem Vater von Alex, einem Biologen, und dem Vater von Alvaro, einem Chirurgen. Woher kommt dieser Einfall?

Mir gefiel der Gedanke, dass ein Biologe wie der Vater von Alex eine Obsession für das Studium hermaphroditischer Arten entwickelt haben könnte. Der Mediziner und der Biologe haben ursprünglich eine gemeinsame Ideologie und sollten daher miteinander reden und sich verständigen können. Aber durch ihre persönlichen Erfahrungen gelangen sie zu gegensätzlichen Standpunkten und enden in der Konfrontation.

Wie haben Sie die Geschichte in Szene gesetzt?

Ich habe vor allem Großaufnahmen verwendet, ich wollte in die Intimität der sechs Figuren eintauchen, jedes Detail ihres Gesichtsausdrucks erforschen. Das wechselt ab mit Halbtotalen, in denen die Natur wichtig ist und der Platz des Menschen darin. Das haben wir uns zusammen mit Natasha Braier, der Bildregie, und Nicolas Puenzo, meinem Bruder und Kameramann, so ausgedacht, um die wilden weiten Landschaften der konfliktgeladenen Intimität der Charaktere entgegenzusetzen.

Wie haben Sie mit den Schauspielern gearbeitet, vor allem mit Ines Efron und Martin Piroyansky?

Die Arbeit mit erwachsenen und jungen Schauspielern ist ganz verschieden. Mit den älteren haben wir wenig geprobt und uns mehr auf Diskussionen und ihre vertiefte Lektüre des Drehbuchs verlassen. Als wir dann am Drehort waren, kannten wir uns und wussten, was wir aus den Figuren machen wollten und welchen Ton wir bei jedem treffen wollten. Mit Ines und Martin haben wir zwar auch diskutiert, aber die Herangehensweise war eine ganz andere. So ist zum Beispiel Ines mit mir mitgekommen, als ich die Mediziner und Eltern traf. Dann haben wir geprobt, improvisiert und im wörtlichen Sinn einiges ausprobiert, unter anderem um der von ihr gespielten Figur körperliche Glaubwürdigkeit zu verleihen, denn Ines ist in Wirklichkeit viel weiblicher als sie im Film erscheint - und Martin ist kein bisschen linkisch und schüchtern wie Alvaro.

Wie sind Sie mit ihnen an die Rollen herangegangen?

Bei Ines war es das Wichtigste, eine Darstellungsweise zu finden, mit der sie auf der Leinwand glaubwürdig ein Spiel der Verführung anzetteln kann, das eher "männlich" sein sollte. Dann waren Ines und Martin beide 24 Jahre alt und sollten 10 Jahre jünger wirken, also haben wir sehr auf diese Jugendlichkeit geachtet, indem wir - vor allem bei Ines - am Ton und der Modulation der Stimme gearbeitet haben.

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